Bugging The System

A blog about microbes, diseases and biomedical research advances. Posts in English or German.

Dein Krebs, mein Krebs – kann Krebs übertragbar sein?

Krebs wird immer durch Fehler in der DNA einer körpereigenen Zelle ausgelöst.

Oder so glaubten wir. Jetzt ist klar, dass in manchen Tieren Krebs auch von nicht körpereigenen Zellen entstehen kann. Molekulare Untersuchungen konnten nachweisen, dass Krebserkrankungen in einigen Tierarten von einer einzelnen, ursprünglich in einem Tier entstandenen Krebszelle abstammen. Die Krebszellen selbst, und nicht ein krebsauslösendes Bakterium oder ein Virus, sind  hier ansteckend und Auslöser einer Krankheit in befallenen Tieren. Übertragbarer Krebs verhält sich somit wie ein Parasit, der von einem Wirt in den nächsten springen kann.

An Land wurde dies bereits vor geraumer Zeit in Tasmanischen Teufeln (Gesichtstumore, übertragen durch Bisse) und in Hunden (sexuell übertragene Tumore) nachgewiesen. Letztes Jahr konnte das Phänomen zum ersten Mal auch in Muscheln beobachtet werden. Eine neue Studie, publiziert in der Fachzeitschrift Nature, zeigt nun, dass übertragbarer Krebs unter Muscheln häufiger vorkommt als gedacht.

Soft Shell Clams

Eine Portion Sandklaffmuscheln – die neuesten Opfer von übertragbarem Krebs. Bild von T.Tseng via flickr (CC BY 2.0)

Die neuen Erkenntnisse inbegriffen wissen wir nun von 8 übertragbaren Krebserkrankungen in 6 verschiedenen Tierarten. Diese übertragbaren Krebse entwickelten sich anfangs in 8 einzelnen Tieren, den „Patient null“ der jeweiligen Krebsepidemien, und erlangten die Fähigkeit, sich auszubreiten und sich in fremden Körpern festzusetzen bevor der Originalwirt starb. In Tasmanischen Teufeln passierte das wahrscheinlich vor weniger als 50 Jahren, in Hunden wahrscheinlich vor Tausenden von Jahren.

In Menschen haben wir solchen Krebs, der sich wie ein Virus ausbreitet, noch nicht beobachtet. Aber könnte er in einem von uns schlummern und in Zukunft eine Krebsepidemie auslösen? Die Chancen sind gering, doch es ist nicht ganz unmöglich. Warum zeigen (unter anderem) die folgenden Argumente.

Zuerst müssten fremde Krebszellen einen Weg finden, um in unseren Körper einzudringen. Bei Muscheln ist dies einfach: die Krebszellen können im Wasser von einer Muschel zur nächsten treiben und sich dann im neuen Wirt festsetzen. Bei den tasmanischen Teufeln werden die Gesichtstumore durch Bisse übertragen, bei Hunden durch Geschlechtsverkehr. Direkter Kontakt ist also an Land eine Voraussetzung – und die Ausbreitung einer solchen Krankheit könnte daher in Menschen wahrscheinlich durch bekannte Maßnahmen (effektive Hygienemaßnahmen, keine Wiederverwendung von Nadeln, Safe Sex etc.) eingebremst werden.

Die nächste Hürde für potentielle fremde Krebszellen wäre sich im Körper des neuen Wirtes einzunisten und zu wachsen. In diesem Bereich haben wir einen wertvollen Wächter: unser Immunsystem. Unser körpereigenes Überwachungs- und Bekämpfungssystem erkennt und attackiert alles, was nicht als körpereigen markiert ist – Viren, Bakterien und auch fremde Zellen.

Auch Tiere besitzen oft Immunsysteme, die sie vor derartigen Angriffen schützen sollten. Bei Muscheln ist dieses System jedoch weit weniger komplex als bei Säugetieren. Sie sind daher für Angriffe von außen schlechter abgesichert – und daher anfälliger – als wir. Die Tasmanischen Teufel, die auch an übertragbarem Krebs leiden, haben ein hoch entwickeltes Immunsystem. Dieses ist jedoch durch Jahrzehnte lange Inzucht degeneriert. Tasmanische Teufel sind heute so eng miteinander verwandt, dass ihre Körper die fremden Krebszellen kaum als fremd erkennen und dann abwehren. In Hunden wird der Fremdzellenkrebs oft – relativ spät, aber doch – vom Körper des befallenen Hundes erkannt und dann vom Immunsystem angegriffen. Bei diesen Tumoren sind Metastasen selten und Tumore bilden sich meistens von selbst zurück.

Tasmanian Devil

Tasmanischer Teufel. Mehr als 80% der lebenden Teufel sind heute mit übertragenen Krebs infiziert. Bild von Wayne McLean via wikipedia (CC BY 2.0)

Unser eigenes, äußerst wirksames Immunsystem ist bei Organtransplantationen oft ein Problem. Wenn zwei Menschen gut „kompatibel“ sind – also viele der vom Immunsystem erkannten zellulären Marker gemeinsam haben – ist eine perfekte Übereinstimmung fast unmöglich. Empfänger von Organtransplantaten müssen daher nach der Operation oft lebenslang spezifische Medikamente, genannt Immunsuppressiva, einnehmen. Dies verhindert, dass das neue Organ vom Körper des Empfängers abgestoßen (also vom Immunsystem als fremd erkannt und angegriffen) wird. Das künstlich abgeschwächte Immunsystem ist dann anfälliger für Angriffe von außen – auch „eingeschlepptem“ Fremdzellenkrebs. Hat das Fremdorgan nämlich schon vor der Spende einen Krebszellenherd – zum Beispiel in Form einer mikroskopisch kleinen, unentdeckten Metastase – kann diese nun im Empfänger eine Krebserkrankung auslösen. Dies passiert tatsächlich in einer kleinen Zahl der Transplantatempfänger (Schätzungen zufolge in etwa Einem von 2500) und ist gut dokumentiert. Dieser eingeschleppte Krebs ist jedoch dennoch nicht auf andere Personen übertragbar.

Egal wie die fremden Krebszellen im Körper ankommen: Wenn sie überleben wollen, müssen sie einen Weg finden, um unserem Immunsystem zu entgehen. Am einfachsten ist das bei immunkomprimierten Menschen – deren Immunsystem ist bereits angeschlagen und sie sind daher anfällig für Infektionen. Neben Organspendenempfängern gehören auch Menschen, die an AIDS leiden, zu dieser Gruppe. Bei ihnen wurde bereits ein Fall von außergewöhnlichem Krebswachstum beobachtet: ein Kolumbianer war in 2013 an Krebs, der von Bandwurmzellen ausgelöst wurde, gestorben. In Menschen mit voll funktionstüchtigen Immunsystem ist es allerdings kaum vorstellbar, dass fremde Krebszellen sich ihrem Körper einnisten und zu Tumoren heranwachsen könnten – auch wenn sie zum Beispiel durch verunreinigte Nadeln direkt in den Körper eingebracht werden.

Fremdzellenkrebs ist also bei Menschen keine drohende Gefahr, doch ganz unmöglich ist seine Entstehung auch nicht. Gute Hygiene und Infektionsvorbeugung, zusammen mit unserem effektiven Immunsystem, sind starke Barrieren, die Ausbrüche wie bei Tasmanischen Teufeln oder Muscheln wahrscheinlich verhindern würden.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Information

This entry was posted on June 27, 2016 by in Neues aus den Biowissenschaften, Uncategorized and tagged , , .
%d bloggers like this: