Bugging The System

A blog about microbes, diseases and biomedical research advances. Posts in English or German.

Zika – ein Virus erobert die Welt

Ein Wort, das heute vielerorts Panik auslöst: Zika. Hinter dem Namen versteckt sich ein in den 1940ern in Afrika entdeckter Virus, der sich zurzet wie ein Lauffeuer in Lateinamerika ausbreitet. Bis vor Kurzem wurde dem Virus kaum Beachtung geschenkt – vor allem weil die durch es ausgelöste Krankheit eher harmlos schien. Ausschlag, Fieber und Gelenksschmerzen zeichnen die durch Moskitos übertragene Erkrankung aus – weit mildere Symptome als beim mit Zika verwandten Denguefieber auftreten.

Doch in Gebieten mit hohen Raten von Zika Infektionen häuften sich letztlich Meldungen von bedenklichen Ereignissen: mehr und mehr Babys wurden mit zu kleinen Köpfen geboren. Dieses Syndrom, genannt Mikrozephalie, beeinträchtigt Hirnentwicklung der betroffenen Kinder und führt so zu geistigen Behinderungen. In Brasilien – einem Hotspot der seit Mai 2015 wütenden Zika Ausbreitung – wurden seit Oktober letzen Jahres bereits mehr als 3500 Babys mit Mikrozephalie geboren, vorwiegend in Gebieten mit hohen Zika Infektionsraten. Normalerweise wären in diesem Zeitraum weniger als 100 solcher Fehlbildungen zu erwarten.

Microcephaly

Magnetresonanztomographie eines normal entwickelten menschlichen Kopfes (links) und des Kopfes eines Mikrozephalie Patienten (rechts). Bild via wikimedia (CC BY 2.5).

Wissenschaftliche Belege der Beziehung zwischen Zika und Mikrozephalie fehlen zwar noch (die Forschung hinkt in diesem Fall der Epidemie hinterher), doch die Indizien sind für die amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) aussagekräftig genug, um schwangere Frauen vor Reisen in betroffene Länder – derzeit 22, von Mexiko bis Brasilien – zu warnen. Manche der betroffenen Länder haben ihre weiblichen Bürger sogar dazu aufgerufen, geplante Schwangerschaften bis 2018 zu verzögern.

Dennoch wissen wir überraschend wenig von dem Virus. Die meisten wissenschaftlichen Studien über Zika sind epidemiologisch – sie befassen sich mit der Beschreibung von lokalen Ausbrüchen in 2007 auf der Insel Yap, in 2013 in Polynesien und seit 2015 Lateinamerika. Biologisch-virologische Grundlagenstudien gibt es noch kaum. Bisher trat Zika meist nur in kleinen, lokalen Krankheitsclustern auf, doch plötzlich erobert der aus Afrika stammende Virus große Teile Amerikas – mit mehr als einer Million geschätzten Infektionen in den letzten Monaten. Diese plötzliche und unerwartete Epidemie zeigt klar, dass mehr wissenschaftliche Daten notwendig sind, um Zika zu verstehen und langfristig zu bekämpfen.

Noch gibt es keine Zika-Medikamente, vorbeugende Impfungen oder einfache Tests zur Diagnose der Erkrankung. Die beste Medizin ist derzeit die Vorbeugung der Infektion durch Vermeidung von Mückenstichen in Gebieten mit Zika Verbreitung.

Aedes_aegypti_CDC-Gathany

Zika wird von Moskitos übertragen – meistens vom hier gezeigten Aedes aegypti. Bild vom CDC via wikipedia (no CC – public domain image)

Doch auch diese Maßnahme geht möglicherweise nicht weit genug: Einige Studien deuten an, dass Zika nicht nur durch Moskitostiche, sondern auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte – eine sehr ungewöhnliche Eigenschaft bei dieser Art von Krankheitserregern. Das Virus wurde in Sperma, Blut und Gewebeproben von erkrankten Menschen gefunden, und Hinweise von Übertragungen durch sexuellen Kontakt und möglicherweise auch durch Transfusionen wurden bereits beschrieben. Auch die Ansteckung von ungeborenen Babys im Mutterleib wurde nachgewiesen. Treten diese Fälle tatsächlich regelmäßig auf, könnte dies Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie stark erschweren.

Auch wenn Moskitos die Krankheit übertragen, sind sie oft nur die Boten eines Virus, aber nicht ihr Hauptwirt. Im Fall von Zika kennen wir den Hauptwirt noch nicht. Zika wurde ursprünglich in Affen entdeckt, diese kommen also als Wirt infrage. Ob Affen auch in Lateinamerika befallen sind, ist noch unklar. Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Virus sich an den Menschen als Wirt angepasst hat und diesen nun als „Reservoir“ nutzt – eine Eigenschaft, die Dengue und Gelbfieberviren bereits erworben haben. In diesem Fall würde das Virus keinen tierischen Zwischenwirt mehr brauchen und Aedes Moskitos könnten die Krankheit von Mensch zu Mensch übertragen.

Wie weit sich Zika noch ausbreiten könnte ist fraglich. Die Übertragung scheint zumeist durch Aedes Moskitos (derzeit hauptsächlich Aedes aegypti) zu erfolgen, die in tropischen und subtropischen Gebieten weltweit weit verbreitet sind. In Europa heimischen Anopheles Moskitos, welche beispielsweise Malaria übertragen können, wurde das Zika Virus noch nicht nachgewiesen. Komplett sicher sind allerdings auch wir nicht: Aedes Moskitos dringen heute – wahrscheinlich wegen den durch den Klimawandel wärmeren Temperaturen – bis nach Südeuropa vor und könnten auch hier Krankheiten verbreiten. Und falls sich der Verdacht der direkten Mensch-zu-Mensch Übertragung von Zika bestätigt, könnte sich der Virus bald weltweit – auch ohne Hilfe von Moskitos – verbreiten.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse in den kommenden Monaten werden zeigen, wie weitreichend und gefährlich der derzeitige Zika Ausbruch wirklich ist, und hoffentlich erste Ansätze zur Lösung der Krise bringen. Bis dahin müssen wir uns mit Indizien und möglichen Szenarien zufriedengeben und unser Verhalten entsprechend anpassen.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

Information

This entry was posted on January 24, 2016 by in Neues aus den Biowissenschaften and tagged , , , , , , .
%d bloggers like this: