Bugging The System

A blog about microbes, diseases and biomedical research advances. Posts in English or German.

Der Parasit, der zum Krebsgeschwür wurde

Medellín, Kolumbien. Bild von david peña via flickr (CC BY-SA 2.0)

Medellín, Kolumbien. Bild von david peña via flickr (CC BY-SA 2.0)

Medellín, Kolumbien, im Januar 2013: Ein Mann mittleren Alters wird wegen Gewichtsverlust, Fieber, Husten und Erschöpfung im Krankenhaus untersucht. Jahre zuvor, in 2006, war er mit HIV diagnostiziert worden. Er bekam Medikamente verschrieben, die bei korrekter Einnahme den Ausbruch von AIDS verhindern können. Er war jedoch nachlässig mit der Einhaltung seines Therapieschemas: erste Tests zeigten dass seine HIV Infektion mittlerweile außer Kontrolle war. Seine weißen Blutzellen vom Typ CD4 waren mit nur 28 CD4-positiven Zellen pro Mikroliter Blut kritisch niedrig – ein Zeichen von fortgeschrittener AIDS Erkrankung. In diesem Endstadium von AIDS kommt es oft zu ungewöhnlichen, schlussendlich tödlichen Infektionen.

Und dieser Patient war speziell. Seine Erkrankung war nicht nur ungewöhnlich, sondern einzigartig.

Eine Computertomografie zeigte die Anwesenheit von Knötchen und vergrößerten Lymphknoten in verschiedensten Bereichen seines Körpers. Geschwollene Lymphknoten sind ein typisches Anzeichen von Infektionen, welche in AIDS Patienten gehäuft auftreten. Doch diese Knötchen waren besonders. Sie enthielten eine Ansammlung von eigenartigen, sehr kleinen Zellen, die keiner menschlichen Zelle ähnelten. Molekulare Tests am Patientengewebe bestätigten die Vermutung: Die Zellen stammten nicht vom Körper des Mannes. Die Ärzte waren ratlos, und ihre Zeit wurde knapp: trotz erneuter HIV Therapie verschlechterte sich der Zustand des Patienten. Im April 2013, drei Monate nach der ersten Biopsie, wurden weitere, frische Gewebeproben vom Patienten entnommen und an die CDC – die Gesundheitsbehörde der Vereinigten Staaten – geschickt. Dort, so hofften die Ärzte, würden Wissenschaftler die mysteriöse Erkrankung des kolumbianischen Patienten aufklären und die Grundlage für gezielte Therapien liefern.

Die fremdartigen Zellen im Gewebe des Mannes erstaunten auch die Wissenschaftler. Ihre großen Zellkernen deuteten an, dass es sich um Stammzellen handeln könnte. Die vergleichsweise kleine Zellgröße legte Vermutungen nahe, dass die Zellen von einzelligen, simplen Parasiten oder Pilzinfektionen stammen könnten. Dies war jedoch nicht der Fall – der Ursprung der Zellen blieb weiter ein Mysterium.

Die Infektion war nicht nur wegen der Beteiligung von fremdartigen Zellen besonders. Die Zellen selbst zeigten eigenartige Eigenschaften, die wir normalerweise mit Krebserkrankungen verbinden: Sie bildeten Tumore und wuchsen in ungeordneten Ansammlungen, und in tief in das Gewebe des Patienten eindrangen. Krebs entsteht normalerweise aus körpereigenen Zellen – Krebs durch Übertragung von körperfremden Zellen ist äußerst selten und kann in immunschwachen Menschen und manchen Tierarten vorkommen. Normalerweise wird dieser übertragene Krebs jedoch von Zellen der selben Spezies ausgelöst – menschliche Zellen im Fall von menschlichem Krebs. Nicht im Fall des kolumbianischen AIDS Patienten.

Während die Wissenschaftler und Ärzte fieberhaft an einer Lösung des Rätsels arbeiteten verschlechterte sich der Zustand des Patienten weiter. Seine Lymphknoten schwollen an und seine Nieren begannen zu versagen. Seine Erkrankung erreicht im Mai 2013 das Endstadium, doch eine Diagnose fehlte weiterhin.

Der Patient litt an einer Bandwurminfektion – Stuhlproben, die Bandwurmeier enthielten, hatten dies schon im Januar gezeigt. Es handelte sich um den Zwergbandwurm Hymenolepis nana, der häufig als Parasit im Darm von Menschen lebt. Weltweit sind etwa 75 Millionen Menschen infiziert, in manchen Regionen sind 25 % aller Kinder betroffen. Die Anwesenheit des Parasiten wurde zuerst nicht als wichtig erachtet, aber genau dieser etwa 5 Centimeter lange, wurmartige Organismus stellte sich als Schlüssel zur Diagnose des Mannes heraus. Als die Wissenschaftler die krebsartigen Zellen in den Gewebsproben des kolumbianischen Patienten auf Bandwurmeigenschaften untersuchten, gelang der Durchbruch: Die Zellen stammten tatsächlich von Hymenolepsis nana ab.

Bandwurmkopf. Bild von Justin via flickr (CC BY 2.0).

Wie die Parasiten in die verschiedenen Körperteile des Patienten kamen und dort zu bösartigen Tumoren heranwuchsen bleibt unklar. Zwergbandwürmer leben normalerweise im menschlichen Darmtrakt – Infektionen von anderen Geweben sind äußerst rar. Krebs wurde gar noch nie zuvor in diesen Organismen dokumentiert. Molekulare Analyse der Tumore in diesem Patienten zeigte jedoch, dass die Veränderungen in den krebsartigen Bandwurmzellen stark jenen in menschlichen Tumorzellen ähnelten. Besonders erstaunlich ist, dass diese Zellen überhaupt Tumore in einem so ungleichen Organismus bilden konnten – dieser Krebs überquerte die sonst so schwer überwindbare Artengrenze. Mehrere Faktoren waren wahrscheinlich an der Begünstigung dieser Situation beteiligt, allen voran das durch die fortgeschrittene AIDS Erkrankung versagende Immunsystem des Patienten. Das Ergebnis war jedoch erstaunlich: Eine Krebserkrankung, die von Zellen einer anderen Spezies ausgelöst wurde.

Die Diagnose konnte dem Patienten leider nicht mehr helfen. 72 Stunden nach diesen Erkenntnissen erlag der kolumbianische Mann seiner Krankheit. Zuvor erlaubte er jedoch der Publikation seiner Krankheitsdaten, und ermöglicht uns daher aus seiner Krankheit zu lernen. Er war der erste Patient, der mit Parasitenzellenkrebs diagnostiziert wurde. Seine Geschichte ist einzigartig, aber ob seine Erkrankung wirklich ein Unikum ist, oder doch häufiger vorkommt als wir derzeit ahnen, wird die Zukunft zeigen.

Der Originalartikel mit Fallstudie des kolumbianischen Patienten wurde am 5.11.2015 im New England Journal of Medicine publiziert.

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  1. Pingback: Dein Krebs, mein Krebs – kann Krebs übertragbar sein? | lifescientifique

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This entry was posted on November 7, 2015 by in Neues aus den Biowissenschaften and tagged , , , , .
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